277 Die Selbstgerechtigkeit der Rechtschaffenden

Die Rechtschaffenden Roboter

Der Rechtschaffende lebt in dem Bewusstsein, in dem festen Glauben, dass er im Recht ist. Letztlich nur, weil er tut, was man von ihm verlangt. Sklavisch. Ohne Fragen, ohne Abweichung, ohne Kritik. Er ist der perfekte Roboter.


…lesen Sie dies in: Gedankenspiele 13



Er tut all dies mit einer Art religiösen Selbstsicherheit. Mit der blickt er auf all jene herab, die sich nicht vollends im System eingefügt haben, die aufbegehren, die anderes wollen als es das System Ihnen vorgibt, es von ihnen abverlangt. Er blickt auf all die herab, die keine Roboter sein wollen, wie er, die Freiheit einfordern und Individualität und die konsequenterweise im System anecken, die Unruhe bewirken, weil sie Fragen stellen, die das System sich nicht leisten kann, weil sie Schwächen und Kritik aufzeigen.

Nicht so der Rechtschaffende. Er ist wie der Gläubige einer Religion, jeder der gegen seine Religion verstößt ist in seinen Augen ein Ketzer, der bekämpft werden muss, den er bekämpfen muss. Der Ketzer ist klar im Unrecht war es immer, denn er Gefährdet seine Überzeugungen.

Ist der Rechtschaffende im Recht?

Da der Rechtschaffende aber im Recht ist, kann der Ketzer nur im Unrecht sein.

Ein schönes einfaches Weltbild, und schöne einfache Weltbilder waren immer und zu allen Zeiten besonders attraktiv für die geistig schwachen. Denn: ist das wirklich so? Betrachten wir die Situation genauer…

Die Wahrheit ist: Nicht jeder der ein System bejaht, nicht jeder, der sich in ein System einfügt, nicht jeder, der die Regeln eines Systems sklavisch beachtet, sich mit null Abweichung von ihnen lenken lässt, ist damit auch im Recht. Er ist dies freilich auf dem Papier, er ist formal auf der Seite des ‘Rechts’, er ist konform allem, was von ihm verlangt wird, konform allem, was man von ihm erwartet. Aber er ist damit nur eines: ein Untertan, ein Sklave.

Ob er sich mit seiner Haltung aber tatsächlich ‘im Recht’ befindet, ob er tatsächlich gut tut daran, sich so zu verhalten hängt freilich überhaupt nicht von seiner Konformität zu dem System ab – sondern von der Qualität des Systems. Denn durch dieses hat er ja zugelassen, sein eigenes Denken komplett zu ersetzen.

Und daher ist es grundsätzlich, immer und zu allen Zeiten nicht anzuraten, sich vollends konform zu einem System zu verhalten. Denn man wird blind für die Fehler des Systems. Aber nicht nur das: auch das System selbst wird durch die vielen Ja-Sager auf diese Weise nicht mehr weiterentwickelt, weil es an Kritikern fehlt, das System wird zur nicht mehr anzweifelbaren Ideologie, letztlich zur absoluten Religion. Und das, obschon es zweifellos zweifelhaft ist und höchst relativ: es wurde von fehlbaren Menschen geschaffen. Aber der Rechtschaffende lässt es durch seine unendliche Konformität zu etwas gefährlichem entarten. Er bewirkt das Ende jeder Fortentwicklung. Tür auf für jede Form von Barbarei.

Und damit muss man feststellen, ist der systemkonforme, der recht-schaffende in Wahrheit auf der falschen Seite. Denn durch seinen Mangel an Kritik, Zweifel, Distanz, befördert er den Despotismus im Namen seines heiligen Systems.

Denn er zementiert das System, er bejaht jede Forderung aus dem System, egal wie offensichtlich falsch sie ist, er leistet damit sogar der Zerstörung von Freiheit und Weiterentwicklung Vorschub, weil er jeden, der das System nicht bejaht kritisiert, unterdrückt, wiederum anzweifelt, einkerkert und zum Bösewicht stilisiert.

Ist dann also jeder Kritiker gut?

Doch auch bei denen, die das System infrage stellen, sind die Unterschiede fein, aber entschieden.

Man muss unterscheiden einerseits zwischen denen, die das System infrage stellen um es zu verbessern, um es fort zu entwickeln, um die Schwächen des Systems zu erkennen, die Details, und diese durch bessere Ideen zu ersetzen. Und auf der anderen Seite denen, die für das bloße Auge oft kaum anders aussehen, die aber das System kritisieren um es zu zerstören, die das System infrage stellen, um es durch ein komplett anderes zu ersetzen, die nicht die guten Dinge behalten und nur die schlechten Dinge kritisieren wollen, sondern die das gesamte System hinfort fegen und alles Gute (was zumeist die Mehrzahl ist) zusammen mit allem Schlechten auf den Müll werfen und durch eine komplett andere Idee ersetzen wollen.

Wenn also auch Kritiker aller Couleur auf den ersten Blick ganz ähnlich die herkommen und aussehen mögen, so ist doch deren Intention ganz entscheidend dafür, ob ihre Kritik hilfreich ist oder lediglich zerstörerische für alle.

…lesen Sie dies und mehr in: Gedankenspiele 13


siehe auch:

Die Gutmenschen-Religion

Gleichheit Gerechtigkeit

Demokratie

Die Opfer